Heterogenitätsdidaktisches Modell

Heterogentätsdidaktische Materialien Nr. 1 – Dezember 2017

Anja Hauser & Lena Waldhoff

Projekt het.kom

Reflektieren – Analysieren – Entwickeln. Anhand eines didaktischen Modells die Lehrpraxis heterogenitätsorientiert gestalten

Anhand des didaktischen Dreieckes [1], welches ursprünglich aus der Allgemeinen Didaktik der Schulpädagogik stammt, lassen sich die zentralen Zusammenhänge und Einflussgrößen zwischen Lehrer*in, Schüler*in und Unterrichtsstoff verdeutlichen. Man kann damit zunächst allgemeine didaktische Prinzipien und Vorgehensweisen in einem Lehr-Lern-Setting beschreiben. Wir transformieren dieses Dreieck für den hochschuldidaktischen Kontext, indem wir einen vergleichbaren Zusammenhang zwischen (Hochschul)-Lehrenden, Studierenden und dem jeweiligen Fachgegenstand postulieren und die wechselseitigen Beziehungen zwischen allen drei Größen aus einer heterogenitätsdidaktischen Perspektive fokussieren.

Ziel ist es, ein Referenzmodell für den didaktischen und praktischen Umgang mit Heterogenität in der Hochschullehre bereitzustellen, welches Sie als Lehrende*r nutzen können, um ihre Lehrpraxis systematisch zu reflektieren, zu analysieren und strukturiert weiterzuentwickeln.

Heterogenitätsdidaktisches Grundverständnis: In der Lehr-Lern-Beziehung gibt es eine Vielfalt von Perspektiven und Fachverständnissen.

Ausgehend von einem Dreiecksverhältnis zwischen Lehrenden, Studierenden und einem Fachgegenstand, der von Lehrenden vermittelt und von Studierenden angeeignet werden soll, ist die Lehr-Lern-Beziehung als grundlegende didaktische Handlungsstruktur für akademisches Lehren und Lernen in den Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken.

Durch die Lehr-Lern-Beziehung sind Sie als Lehrende*r und Ihre Studierenden praktisch verbunden. Sie interagieren auf verschiedene Weise miteinander, wobei diverse persönliche Erfahrungen, Perspektiven und Handlungsweisen vonseiten der Studierenden ebenso wie von Ihrer Seite her auf diese Beziehung einwirken. Mit einem heterogenitätsdidaktischen Grundverständnis kann diese Mehrperspektivität und Vielgestaltigkeit, die eine Lehr-Lern-Beziehung zu einem komplexen sozialen Geschehen macht, anerkannt und wertgeschätzt werden.

Darüber hinaus haben sowohl Sie als auch Ihre Studierenden einen je eigenen Bezug zum Fachgegenstand, was auf verschiedenen biografischen Verläufen gründet. Sie als Lehrende*r bringen durch Ihren beruflichen Werdegang ein akademisch-wissenschaftliches Fachverständnis mit. Studierende hingegen blicken vor allem aus schulisch-berufspraktischer Perspektive auf das Studienfach. Eine sowohl lehrende als auch lernende Auseinandersetzung mit dem Fachgegenstand in der Lehrpraxis hat wiederum Einfluss auf das Fachverständnis aller Beteiligten, da ihre jeweilige Beziehung zum Fachgegenstand im Verlaufe des Lehr- und Lernprozesses als veränderlich angenommen werden kann.

Gerahmt wird dieses Setting von einem spezifischen Lehr-Lern-Kontext. Hier spielen u. a. das hochschulische Profil und Studiengangsportfolio, die differenten Beschäftigungsbedingungen für akademisches Personal, die Studienbedingungen oder Studienorganisation an der jeweiligen Hochschule in die didaktischen Entscheidungen bei der Planung, Durchführung und Evaluation von Lehrveranstaltungen hinein. Diese strukturellen Aspekte stellen Rahmenbedingungen dar, welche ebenso in die Reflexion der Lehrpraxis einzubeziehen sind und Entwicklungsoptionen für eine heterogenitätsorientierte Lehrgestaltung beeinflussen.

Heterogenitätsdidaktische Leitorientierung: Ein produktiver Umgang mit Heterogenität in der Lehre ist partizipativ und kooperativ zu gestalten.

Ein heterogenitätsorientiertes didaktisches Vorgehen heißt, dass Sie als Lehrende*r die drei zentralen Größen des hochschuldidaktischen Dreieckes – Ihre Studierenden, Ihren Fachgegenstand, Ihre eigene Person – und jene wechselseitigen Beziehungen zueinander berücksichtigen. Dabei wird idealtypisch von einem gleichseitigen Dreieck ausgegangen, bei dem alle Beziehungen gleichwertig zueinander ins Verhältnis gesetzt werden.

Um diesen Beziehungen in der konkreten Lehrsituation Rechnung tragen zu können, nehmen Sie sowohl die Studierenden als auch sich selbst möglichst umfassend mit den jeweiligen Heterogenitätsaspekten und Fachverständnissen wahr und beziehen diese bewusst in Ihr didaktisches Vorgehen ein.

Das um vielfältige Aspekte erweiterte Dreiecksmodell zeigt, inwiefern ein Lehr-Lern-Setting von Heterogenität durchzogen sein kann. Vor dem jeweiligen fachspezifischen Hintergrund Ihres Lehrgebietes ist hier zu reflektieren und zu analysieren, welche Heterogenitätsaspekte in der je konkreten Lehrsituation schließlich vorliegen und eine besondere didaktische Herausforderung in Ihrer Lehre darstellen.

Daraus können Sie begründet und strukturiert ableiten, welche Heterogenitätsaspekte

1. als bedeutsam für didaktische Entscheidungen bei der Lehr- und Prüfungsgestaltung zu werten sind, und

2. als didaktische Möglichkeiten bei der Planung, Durchführung und Evaluation Ihrer Lehrveranstaltung aufgegriffen werden können.

Ein solches didaktisches Herangehen an die Lehre und Vorgehen in der Lehre ist durch partizipativ-kooperatives Denken und Handeln gekennzeichnet. Lehre heterogenitätsorientiert zu gestalten, heißt hier mit vorhandenen Heterogenitätsaspekten produktiv umzugehen.

Ihre Studierenden und Sie stehen dabei in einem ständigen Austausch und handeln gemeinschaftlich relevante Bezüge zum Fachgegenstand aus. Verschiedene Fachverständnisse laufen nicht isoliert auf den Gegenstand zu, sondern werden dialogisch ausgetauscht und interaktiv reflektiert. Dieser Dialog wiederum hat – aus heterogenitätsdidaktischer Sicht – diagnostischen Charakter, weil Ihnen als Lehrende*r erst durch Gespräche, Diskussionen und Feedback der Studierenden sichtbar werden kann, mit welchen Studierenden, welchen spezifischen Fachverständnissen und Interessenslagen Sie in Ihrer Lehrveranstaltung konfrontiert sind.

Voraussetzung für eine heterogenitätsorientierte Lehre ist demnach Heterogenität zu diagnostizieren und sich als Lehrende*r der Studierenden und deren Individualität, Unterschiedlichkeit und Sichtweisen bewusst zu werden. Durch Austausch und Dialog nehmen Sie und die Studierenden gemeinsam Bezug auf den Fachgegenstand und dessen Vermittlung. Nicht nur Sie als Lehrende*r, sondern auch die Studierenden selbst in ihrer wechselseitigen Beziehungen zum Fachgegenstand gelangen so im Sinne einer Studierendenorientierung bei der methodischen Ausrichtung Ihrer Lehre in den Blick. Je nach Zusammensetzung der Studierendengruppe sind dann unterschiedliche methodische Vorgehensweisen zu wählen.

Die Lehrpraxis durch ein partizipativ-kooperatives Vorgehen heterogenitätsdidaktisch auszugestalten und weiterzuentwickeln, bedeutet schließlich, diesen Austausch als fortlaufenden Feedback-Prozess umzusetzen und dabei die gruppendynamischen Prozesse zu gestalten, um eine gemeinschaftliche und konfliktfähige Lernatmosphäre entstehen zu lassen.

[1] Vgl. u. a. Arnold, R./Pätzold, H. (2002): Schulpädagogik kompakt. Prüfungswissen auf den Punkt gebracht. 1. Aufl., Berlin: Cornelsen Scriptor, S. 94f.

 

Den vollständigen Beitrag finden Sie hier zum Download:

Heterogenitätsdidaktische Materialien Nr. 1 (PDF)

 

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